Authentisch sein?! Eine Lügengeschichte?!

Authentisch sein?! Eine Lügengeschichte?!

Authentisch sein ist eine der derzeit gängigsten Formeln in unserer Gesellschaft. Alles und jeder soll bitteschön authentisch sein. Vom authentischen Fahrgefühl einer bestimmten Automarke bis zum Kontakt in Bekanntenkreisen. „Heute bist du nicht du selbst“

Wenn ich mich im Kollegenkreis der Trainer und Coaches umschaue, stoße ich immer wieder auf die Authentizität. Kaum eine Selbstdarstellung kommt ohne die Worte „Ich bin authentisch“ aus. Es ist halt der stärkste Trend unserer Tage. Leider sagt es recht wenig aus.

Eine Definition

Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. (Aus Wikipedia)

Wenn es um „Echt sein“ geht, ist das bei Gegenständen schnell feststellbar. Nehmen wir unser Geld als Beispiel. Unser Geld hat viele Erkennungszeichen. Jeder Mensch kann, wenn er sich die Zeit nimmt, seine Echtheit feststellen. Bei Kunstwerken wird schon ein Kenner benötigt. Aber was ist bei Menschen Echt? Und wer legt es fest?

Die schöne Seite der Authentizität

Wir alle sind immer mehr auf der Suche nach dem Echten. Das ist mit ein Entstehungsgrund der Slow-Food-Bewegung. Wir wollen keine Geschmacksverstärker in unserem Essen. Auf Vitamine alla B,A,S & F können wir gut verzichten.

Authentisch sein wer misst das?

Politiker wie Vorstandvorsitzende, die immer wieder mit den gleichen hohlen Phrasen kommen, sind uns ein Gräuel. Wir wollen den Menschen sehen und nicht leere Worthülsen um die Ohren gehauen bekommen.

Die Menschen sind auf der Suche nach sich selbst, nach ihrem eigenen Sein. Wir folgen nicht mehr dem Bock, der am lautesten blökt. O.K. Pegida und AFD sind da eine peinliche Ausnahme, aber Ausnahmen bestätigen hier wohl die Regel.

Wir wollen unser Leben selber gestalten. Da du diesen Blog liest, gehörst du zu dieser Gruppe. Herzlichen Glückwunsch!

Die Schattenseiten des authentisch sein

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Hin und wieder bekomme ich Klienten geschickt. So war es auch bei einem Teamleiter. Im Team gab es Probleme. Wenn ein Fehler passierte, rastete der Teamleiter regelrecht aus.  Er schrie, tobte und machte den betreffenden Mitarbeiter runter. Auf meine Frage, wie es zu solchen Situationen kommt, meinte er, dass er authentisch sein wolle. Er will seine Gefühle nicht verstecken und das leben, was er gerade empfindet. Nach meiner Frage, ob er bei positiven Situationen ebenso überschwänglich reagierte, herrschte schweigen.

Authentisch sein als Ausrede

Im oberen Beispiel wird Authentizität als Ausrede genutzt. Ich möchte mich nicht mit dem auseinandersetzen, was ansteht. Wenn jemand die These aufstellt, „Ich bin ich“, macht das wenig Arbeit. So bin ich halt, daran möchte ich auch nichts ändern.

Da Authentizität gerade, wie gesagt, ganz im Trend der Zeit liegt, macht einen eine solche Aussage auch noch sympathisch. Es ist manchmal auch einfach bequem. Statt sich mit den Punkten auseinanderzusetzen, bin ich einfach ich selbst. „Ich will so bleiben, wie ich bin.“

Ich rasiere mich nicht, ich kämme mich nicht, weil ich gerade keine Zeit hatte, und ziehe zerknitterte Hemden an. Ich bin halt authentisch. Auch das ist eine Ausprägung, die ich manchmal recht fragwürdig finde.

Authentisch sein, auf Kosten anderer, vor allem von mir abhängiger, Personen, geht aus meiner Sicht gar nicht!

Authentisch sein als Fingerzeig

Authentisch sein als Fingerzeig

Aus meiner Erfahrung: Ich bekam eine neue Kollegin ins Team, die schon lange im Unternehmen arbeitete. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass sie zu niemanden „Nein“ sagen konnte. Sie übernahm ständig Aufgaben von Kollegen und leitete unter einer immer weiterwachsenden Überlastung. Auch ich bin anfangs auf den Zug aufgesprungen, da ich als Teamleiter mehr als genug zu tun hatte. Glücklicherweise fiel mir das Ganze recht schnell auf. Ich arbeitete mit der Kollegin daran, auch mal „Nein“ zu sagen und achtete im Team darauf, dass sie nicht zu viele Aufgaben übernahm. Die dickste Hürde kam auf uns beide zu, als sie hörte, dass sie sich verändert habe. „Du bist gar nicht mehr du.“, bekam sie zu hören, wenn sie „Nein“ sagte.

Sie war also nur, aus der Sicht anderer, authentisch, wenn sie lieb und brav alles machte, was ihr aufgetragen wurde. Authentisch sein wird als Tadel genutzt, um die Menschen wieder in die Spur zu bringen.

„Du bist gar nicht mehr du selbst.“, macht Angst. Es birgt die Gefahr, nicht mehr gemocht zu werden. Die Zugehörigkeit kann verloren gehen. So kann es schnell einen Schwenk zurück in alte Fahrwasser geben.

Authentisch sein und Veränderung

Die Menschen um dich herum werden manchmal verängstigt reagieren, wenn du dich veränderst. Gerade, wen du sehr, sehr fürsorglich warst und anfängst diese Fürsorglichkeit einzugrenzen.

Veränderungen verunsichern. Es ist nicht mehr so klar, wie Menschen mit deinem „neuen“ Ich umgehen sollen. Die Rollen werden von neuem verteilt. Es fehlt ein Stück Sicherheit. Wir Menschen streben dazu, ein System wiederherzustellen. Dann fühlen wir uns sicher, weil wir nichts verändern müssen und schließlich hat es doch bisher geklappt.

Das führt dazu, dass die Umgebung womöglich versuchen wird, dich in deine alten Verhaltensmuster zurückzudrängen. Viele Menschen geben an diesem Punkt, um des lieben Friedens willen, auf.

Egal wie und in welche Richtung du dich veränderst, es wird immer Menschen geben, denen die Veränderung nicht gefällt. Stell dir selbst die Frage: „Werde ich um meiner willen oder meines Verhaltens willen gemocht?“ Sobald du dir eine Antwort auf diese Frage gegeben hast, kannst du eine Entscheidung treffen.

Die Entscheidung bei einem gewohnten Verhaltensmuster zu bleiben ist O.K.. Ob du dich veränderst oder alles beim „Alten” belässt, beides kostetet einen Preis. Die Auswahl, welchen Preis du bezahlen möchtest, liegt einzig und allein bei dir.

Authentisch sein und Veränderung

Authentizität und neue Verhaltensweisen

Wenn du dich in neue (Verhaltens-) Gebiete begibst, kann sich das für dich komisch anfühlen. Die aktuellen Muster sind noch nicht Teil deines Selbst. Es braucht etwas Übung. Wenn du sicherer wirst, werden die Verhaltensweisen Teil deiner Persönlichkeit. Erst ab dem Punkt wirken Sie authentisch. Du solltest also dranbleiben.

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der ich meinen Wortschatz deutlich erweitern wollte. Ich griff Floskeln aus Büchern und Zitaten auf. Dabei habe ich sehr oft gehört: „Das ist aber nicht von dir.“ Meine Antwort war stets die Gleiche: „Jetzt schon.“

Das Spiel mit den Rollen

Ich habe einen Freund, mit dem ich mich sehr ausführlich über meine Sexualität unterhalten kann. Mit einem anderen gehe ich gerne in Actionfilme. In der Arbeit mit Klienten liegt mein Hauptfokus auf meinem Gegenüber. Meine Themen, die nichts mit dem Anliegen des Klienten zu tun haben, halte ich zurück. In jeder Situation bin ich authentisch, nur jedes Mal ein wenig anders.

Authentisch sein kommt auf die Rolle an

Deine Persönlichkeit besteht aus vielen Facetten! Je mehr du erkennst, wie du dich in einer deiner Rollen authentisch verhalten kannst, umso mehr Spielraum wirst du bekommen. Authentisch sein und sich anpassen sind keine Gegensätze. Im Gegenteil, sie machen das Spiel des Lebens erst richtig spannend.

In diesem Bereich gilt es, die Grenzen auszuloten. Anpassung um den Preis des „gemocht Werdens“ ist meist eher schädlich als nützlich. Irgendwann kommt der Bumerang zurück. Wenn du zu wenig dein eigenes Selbst lebst, läuft du Gefahr, auszulaugen.

Fazit

Wer „authentisch sein“ als Ausrede benutzt tappt genauso in eine Falle wie die Menschen, die sich ständig Selbstoptimieren möchten. Beide sind in der Regel nicht bei sich und ihren Bedürfnissen. Zu unseren Grundbedürfnissen gehört die Zugehörigkeit genauso wie die Individualität.

Wenn du etwas an dir oder in deinem Leben verändern möchtest, mach dir klar, ob es deinem Bedürfnis entspricht. Manchmal verändern wir uns, um anderen zu gefallen. Leider führt das oftmals zum Gegenteil.

Bei Veränderungen denke daran, dass sie sich am Anfang komisch anfühlen können. Es wird Rückmeldungen von außen geben. Solche und Solche.

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2 comments on “Authentisch sein?! Eine Lügengeschichte?!

  1. Lieber Herr Wiesejahn,

    das ist ein klasse Beitrag zum Thema „authentisch sein“.

    Sie haben darin die Frage gestellt „Aber was ist bei Menschen Echt? Und wer legt es fest?“. Ich denke, der Kernpunkt ist der, dass wir gar nicht so sehr anderen gegenüber authentisch sein müssen, sondern zunächst einmal gegenüber uns selbst. Dabei geht es meiner Meinung nach vor allem darum, dass wir uns selbst nicht belügen sollten. Andere zu belügen ist schon unschön, aber sich selbst zu belügen ist gerade zu destruktiv für die eigene Entwicklung. Es gibt, so denke und fühle ich, einen inneren Kern in uns, der wir wahrhaftig sind. Doch dieser wird oft überlagert, von einem lange gezüchteten Ego, auch gefüttert durch die Vorstellungen anderer Menschen. Insofern kann nur der jeweilige Mensch für sich selbst erkennen, was authentisch für ihn ist und niemand Außenstehendes. Insofern kann auch der ausrastende Teamleiter aus Ihrem Beispiel auf keine Fall authentisch sein. Denn das, was da reagiert ist sein verletztes Ego, es reagiert, weil es nicht anders kann und es nicht anders weiss, wie ein kleines Kind. Das ist nicht „echt“ (authentikós), sondern sein Ego. Wie sollten also „zuverlässig“ unserem Kern und unseren Werten gegenüber sein. Die Echtheit im Sinne von „als Original befunden“ können nur wir selbst in uns entdecken … eine Lebensaufgabe!

    Herzliche Grüße
    Gerrit Hamann

    1. Hallo Herr Hamann,
      vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Ich glaube, dass wir nur dann selbstbewusst der Welt begegnen können, wenn wir uns unserem Selbst bewusst sind. Damit fängt authentisch sein wie Sie das so richtig schreiben mit einer Authentizität gegenüber uns, unseren Gedanken, Einstellungen und Werten an.
      Das Thema Ego sehe ich zum Teil, glaube ich, etwas anders als Sie. Ich persönlich halte das Ego für wichtig und gewinnbringend. Die Frage ist allerdings, wann ich es einsetze und wann ich einen anderen Weg gehe.
      Ihre Aussage mit der Lebensaufgabe kann ich, auch wenn es sich zuweilen schwierig anfühlt, nur bestätigen.

      Lieben Gruß

      Peter Wiesejahn

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