Zeig deinen Ärger!

Zeig deinen Ärger!

Wie oft hast du dich schon über eine Person geärgert? Wie oft hast du diese Wut dann geschluckt? Wie es dazu kommt, dass wir Ärger für uns behalten und wie du ihn zeigen kannst, darum soll es im heutigen Artikel gehen.

Ärger und Aggressionen

Ärger ist eine „kleine“ Form der Aggression. Wir hegen (leichte) aggressive Gefühle gegenüber einer anderen Person, einer Sache oder einem System. Da die Aggression mit zu den „unerwünschten“ Gefühlen in unserer Gesellschaft gehört, wird sie schnell verdrängt.

Bereits das kleinste Gefühl des Ärgers wird unterbunden oder sogar unterdrückt. Wir wollen ja friedlich sein.  Wir sind vernünftig, tolerant und kooperativ. Wir bleiben sogar freundlich, wenn wir herumgeschupst werden.

Das Problem an der Sache ist, dass der Ärger weiter genährt wird. Selbst geringfügige Anlässe sind ein Tropfen in das Fass des Ärgers. Wenn das Fass überläuft, kann es zu eruptionsartigen Wutausbrüchen kommen, die der Situation dann nicht mehr angemessen sind. Diese Situationen wiederum werden dann als Beispiel genutzt. Sie zeigen auf, wie schädlich Aggressionen sind und wie unvernünftig die entsprechende Person doch war. Hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.

In Ihrer Studie „Gewalt und Gesundheit“ zeigt die Weltgesundheits-Organisation den Zusammenhang von Impulskontrolle und Suizid auf. Sie zeigt weiterhin auf, welchen Preis die Affektkontrolle in der befriedeten westlichen Welt hat. Viele physische und psychische Krankheiten haben ihren Ursprung in der Kontrolle, der „unerwünschten“ Gefühle.

Ärger und Selbstwert

Ärger ist ein normales Gefühl

Es ist normal, wenn du dich von Zeit zu Zeit über jemanden ärgerst. Leider haben die meisten Menschen in ihrer Sozialisation gelernt, dass es nicht in Ordnung ist, wütend zu werden. Wenn es dir genauso geht, sei dir sicher, dass du damit nicht alleine bist. Die Wut wird heruntergeschluckt. Schnell richtet sie sich dann gegen uns selbst.

Wenn ein Kind seinen Ärger zeigt, fühlen sich Erwachsene schnell peinlich berührt. Eltern, Erzieher und Lehrer sind ähnlich sozialisiert worden. Sie können mit der Situation des Ärgers nicht umgehen. So wird er schnellst möglich sanktioniert. Das Kind lernt, das „sich Ärgern“ nicht in Ordnung ist, und bezieht die Reaktion auf sich selbst. „Wenn ich mich Ärgere bin ich nicht in Ordnung und werde nicht geliebt.“ So wird das Kind zu einem Erwachsen der sowohl bei sich als auch bei anderen, Ärger unterdrückt.

Was nun folgt

Wenn wir uns ärgern, schlucken wir dieses Ärgern herunter. Anstatt zu sagen, dass wir uns ärgern, bleiben wir höflich und nett. Je nachdem, wie stark das Gefühl ist, schleppen wir es Stunden, Tage oder gar Wochen mit uns herum. Wir und eventuell unser Umfeld leiden unter der Situation.

Vielleicht ist dein Ärger gerechtfertigt, vielleicht nicht. Du wirst zwischen den beiden jedoch nur unterscheiden können, wenn du ihn ansprichst.

Wenn wir uns über eine Person oder Situation ärgern, neigen wir dazu, den Ärger an anderer Stelle raus zu lassen. Anstatt einer Person zu sagen, dass wir uns ärgern, fangen wir an nach Kritikpunkten zu suchen. Wir kritisieren die Kleidung, das Umfeld, die Frisur, die Kollegen … nur unseren Ärger sprechen wir nicht an.

So ein Vorgehen führt oftmals zum Sammeln von Rabattmarken. Dann gibt es erst eine Situation in der wir ärgerlich werden, dann die nächste. Es folgen weitere und irgendwann ist unser Rabattmarkenheftchen voll. Wir knallen der betreffenden Person alles an den Kopf, was wir ihr schon immer mal sagen wollten. Hätten wir es nur früh genug getan. Solche Situationen lassen sich manchmal nicht mehr klären, da vieles schon zu weit zurückliegt. In derartigen Momenten zerbrechen viele Beziehungen. In jedem Fall haben sie jetzt eine Sollbruchstelle.

Ärger ertränken geht nicht

Selbstaggression statt Ärger

Wie schon oben gesagt, kann die Impulskontrolle der „unerwünschten“ Gefühle zur Selbstschädigung führen. Sicherlich ist Selbstmord ein Extrem. Die Selbstschädigung fängt aber schon im Kleinen an.

Ein Beispiel: Du sitzt mit Freunden zusammen. Jedes Mal, wenn du eine Situation ansprichst, wird das Thema gewechselt. Du hast den Eindruck, dass sich keiner wirklich für dich interessiert. Du ärgerst dich! Da du es nicht ansprichst, gehst du in den Rückzug. So ist der Abend, zu mindestens für dich, echt ätzend. Unter Umständen sprichst du demnächst keine eigenen Themen mehr an. Damit schadest du nur dir. Vielleicht ist es den anderen gar nicht aufgefallen. Hättest du etwas gesagt, wäre der Abend für dich auch gut verlaufen.

Ein anderer Weg, dir selbst zu schaden, geht über das Wörtliche herunterschlucken. In unserer Gesellschaft wird Ärger schnell mit Alkohol weggespült. Das Problem dabei ist, dass Gefühle schwimmen können. Alkohol verstärkt darüber hinaus vorhandene Gefühle. Auch die Selbstfürsorge mit Essen fällt in diesen Bereich. Wenn du dann zunimmst, kannst du dich wenigstens über dich ärgern.

Wie kommt es zu einer solchen Verdrängung?

Wenn du deinen Ärger zeigst, übernimmst du die Verantwortung für dich und deine Gefühle. Die anderen müssen sich mit dir auseinandersetzen. Genau in dieser Auseinandersetzung liegt das Problem. Es kann zum Streit kommen.

Aus Ärger kann Streit werden. Streit ist eine Lösung!

Streitigkeiten bergen die scheinbare Gefahr in sich, dass dein gegenüber dich nicht mehr mag. Die Beziehung, ob in der Freundschaft, auf der Arbeit oder sogar in der Liebe könnte, Scheitern. Interessanterweise ist oft das Gegenteil der Fall. Wenn du deinen Ärger zeigst, zeigst du dich! Die Menschen um dich herum können dich besser einschätzen. Das erleichtert ihnen den Umgang mit dir.

Wenn eine Beziehung schon wegen eines „kleinen“ Ärgers auseinandergeht, wird sie größere Schwierigkeiten nicht aushalten. Du kannst also führzeitig erkennen, ob die Beziehung belastbar ist.

Wenn du Menschen deine Grenzen nicht zeigst, werden sie diese immer wieder überschreiten. Es liegt in deiner Verantwortung, dich selber klar zu machen!

Ärger ansprechen

So sprichst du deinen Ärger an

Fang in einem vertrauten Kreis an. Das wird zwar manchmal etwas Verwunderung auslösen, dennoch werden die Menschen, die du länger kennst, dich eher unterstützen. Wenn du einen engen Freund hast, sprich mit ihm darüber, dass du zukünftig gerne öfters sagen möchtest, wenn du dich ärgerst. Er kann dir helfen und wird es auch gerne tun, wenn du ihn danach fragst.

Bleib bei dir und deiner Verantwortung. Das heißt: „Sprich mit Ich an Stelle von Du.“ „Ich ärgere mich, weil …“ „Ich bin ärgerlich, weil …“ anstelle von „Du hast das und das getan.“, oder gar „Du bist …“

Bleib in der jetzigen Situation! Hole nicht zum Generalabrechnung, nach dem Motto „was mich schon immer gestört hat“, aus. Diese Gefahr besteht, wenn du dein ärgerliches Gefühl schon längere Zeit heruntergeschluckt hast. Wenn du beim derzeitigen Auslöser für deine Verärgerung bleibst, könnt ihr gemeinsam an einer Lösung arbeiten.

Manchmal kannst du deine Wut nicht direkt ansprechen, weil du vielleicht zu sehr in deinen Gefühlen verstrickt bist. Dann gebe dir selber die Zeit, dich ein wenig zu beruhigen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass sich solche Situationen am Telefon einfacher lösen lassen. Dann bist du mehr bei dir, da das Umfeld ein wenig ausgeschaltet ist. Auch die körperlichen Reaktionen deines Gegenübers bekommst du nicht so hautnah mit.

Treffe eine Verpflichtung mit dir selber. Verpflichte dich, dir selbst und deinen Grenzen gegenüber ehrlich zu sein. Mache dir diese Verpflichtung immer wieder bewusst.

Weiterlesen

Verteidigung der Aggression – S. Blankwertz

So machst du dir Freunde – A. Matthews

Der Weg durch den Sturm – A. Mindell

Links

Wie man Wut gewinnbringend nutzen kann

Wut: Eine gesunde Emotion

 

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4 comments on “Zeig deinen Ärger!

  1. In einer Gesellschaft, in der Gefühle als nutzlos betrachtet werden, weil sie keinen monetären oder materiellen Gewinn bringen, ist es der berühmte AHA-Effekkt, eigene Gefühle zu artikulieren. Wie oft erlebe ich es in Beratungsgesprächen, dass Probleme einfach „tot geschwiegen“ werden, so lange, bis die Beziehung auch tot ist.
    Ein wichtiger Artikel, den hoffentlich viele Menschen verinnerlichen.

    LG Rolf Netzmann

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar,
      lieber Rolf,
      ich habe mich sehr darüber gefreut.
      Ich bin eher der Meinung, dass der persönliche Umgang mit Gefühlen ungewohnter geworden ist. Dies vor allen mit den sogenannten „negativen“ Gefühlen. Sie sollen, wo möglich, abtrainiert werden. Nun „Gott sein Dank“, ist das nicht möglich.
      Schweigen ist nur ein „Scheinausweg“. Entweder bis alles in Schweigen endet oder der berühmte Tropfen das Fass zur Explosion bringt. Beides keine guten Endpunkte.
      Ich hoffe mit meinen Artikeln Mut zu machen. Mut um Dinge zu hinterfragen oder sogar anders anzugehen. Schön, dass du mich durch deinen Kommentar unterstützt.
      Lieben Gruß
      Peter

  2. Hey Peter,
    wichtiger und toller Artikel! Vielen Dank dafür! Ich kann alles unterschreiben und würde sagen, da liegt ein enormes Entwicklungspotenzial für uns hier und für die ganze Welt drin. Passive Aggression und Autoaggression sind ja wahrlich nicht unbekannt…
    Mich würde noch interessieren, was du zum Umgang mit „systemischem Ärger“ sagst. Im Umgang mit Personen ist das Zeigen von Ärger ja durchaus erlernbar.
    Doch die Ohnmacht in einem System, wo es keinen Ansprechpartner mehr gibt, finde ich sehr herausfordernd 😉
    (Letztens erlebt mit Flughafenpersonal…)
    Liebe Grüße dir!
    Lydia

  3. Hallo Lydia,
    vielen Dank für deinen Kommentar!
    Leider ist mir nicht ganz so klar, was du mit systemischen Ärger meinst. Da du das Flughafenpersonal erwähnst, gehe ich mal davon aus, dass es der Ärger innerhalb einer Gruppe ist. Hier kann es hilfreich sein, den Grund des Ärgers zu personalisieren. Sich also einen Träger dieses Grundes vorzustellen und mit ihm gedanklich in die Auseinandersetzung zu gehen. Noch hilfreicher ist es in einer Art Rollenspiel mit dieser Person zu sprechen. Das sollte dann allerding in einem geschützten Rahmen stattfinden.
    Ich hoffe, dass ich weiterhelfen konnte.
    Lieben Gruß

    Peter

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