Schuldgefühle und der Umgang damit

Worum geht es?

Schuldgefühle haben, auch wenn sie unangenehm sind, ihre Berechtigung. Ich finde jedoch, dass sie in vielen Menschen überhandgenommen haben. Nach einem Blick darauf, woher Schuldgefühle kommen, möchte ich ihre Schattenseite aufzeigen. Wie du damit umgehst, wenn du einen Fehler gemacht hast oder was du tun kannst, wenn die Schuldgefühle zu stark sind, findest du am Ende des Artikels.

Schuldgefühle sichern unseren Fortbestand

Schuldgefühle sind wichtig, damit die Welt existieren kann. Stell dir kurz vor, es gäbe überhaupt keine Schuldgefühle. Wenn dann jemand einem anderen Unrecht antut, gäbe es keine innere Bremse mehr. Ob jemand Menschen beziehungsweise andere Lebewesen verletzt oder tötet, würde ihn nicht interessieren. Nichts würde ihn daran hindern, sich immer wieder so zu verhalten.

Schuldgefühle beinhalten eine Bremsfunktion in sich.  Somit sichern sie ein halbwegs friedliches Zusammenleben und tragen zum Schutz der Natur bei.

Schuldgefühle in unserer Gesellschaft

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Die Auswirkungen des Christentums

Ob du nun religiös bist oder nicht, du lebst in einem christlich geprägten Land. Schuld hat in der christlichen Kirche eine lange Tradition. Auch die „Erbsünde“ ist eine Form der Schuld. Im „Vater unser“ bitten wir, unabhängig davon, was wir getan haben, um die Vergebung der Schuld. Schuld scheint also etwas zu sein, was wir immer mit uns tragen.

Um ihre Macht zu stärken, hat die Kirche, früher, das Bild eines strafenden Gottes eingeführt. Bei ihm musste man sich entschulden, und um seine Gnade bitten, damit man nicht in die Hölle kommt. Glücklicherweise nimmt das Bild eines verzeihenden gnädigen Gottes einen immer größeren Raum ein.

Dennoch durchzieht der Schuldgedanke über die christliche Kirche unsere westliche Welt. Er findet hier auch recht schnell Einzug in die familiäre und schulische Erziehung, dazu später mehr.

Die Nachwirkungen des Dritten Reiches

Im Dritten Reich hat Deutschland, ohne Wenn und Aber, Schuld auf sich geladen. Aus meiner Sicht nicht nur Deutschland, aber das ist ein anderes Thema. In vielen Bereichen wirkt diese Schuld noch heute nach und wird leider auch eingesetzt, um Schuldgefühle herbeizuführen.

Sich diese Schuld vor Augen zu halten um sie als Anlass zu nehmen für eine bessere Welt einzutreten finde ich gut. Wenn es hieraus unser Erbe ist, gegen Diskriminierung und für mehr Toleranz einzutreten, bin ich dabei. Sobald Schuldgefühle eingesetzt werden, um Meinungen sowie deren Äußerungen einzuschränken, halte ich dies für bedenklich.

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Die Folgewirkungen der Kriege

Der Psychoanalytiker W. G. Niederland benannte das „Überlebenden Syndrom“ oder „Die Schuld des Überlebenden“ erstmals. Er sagte nach langjähriger Arbeit mit Holocaustopfern: „Worin die bitterste Ironie des Verfolgten-Schicksals und dessen ganze Tragik enthalten ist, dass nämlich nicht die Täter, sondern die Opfer der unmenschlichen Verbrechen sich fortan schuldig und gebrandmarkt fühlen.“

Die Frage, warum ich überlebt habe und nicht die anderen begrenzt sich jedoch nicht nur auf die Überlebenden des Holocaust. Sie ist auch in vielen deutschen Familien zu finden. Denn auch hier wurden Eltern, Kinder, Brüder und Schwestern verloren, während man selbst überlebt hat.

Diese Schuldgefühle sind rational gesehen nicht fassbar. Von außen betrachtet haben Überlebende keine Schuld daran, dass andere gestorben sind. Dennoch gibt es eine innere Wirkung. Diese wird, durch die „fehlende Realität“ eher versteckt. So wirken Schuldgefühle in den Familien weiter.

Hinzu kommen auch noch die Folgen der erlittenen Traumata. Kinder aus diesen Familien spüren die traumatischen Erlebnisse ihrer Eltern. Teilweise haben sie die gleichen traumatischen Gefühle wie ihrer Eltern, ohne jedoch zu wissen warum. Schuldgefühle werden dadurch über Generationen hinweg weitergegeben.

Udo Baer und Gabriele Frick-Baer empfehlen in ihrem Buch „Das große Buch der Gefühle“ zwischen Schuld und Schuldgefühl zu unterscheiden. Da es Schuldgefühle gibt die „vererbt“ sind, tust du gut daran, deine Schuld zu überprüfen. Wenn du dich „schuldlos“ schuldig fühlst, liegt die Schuld wahrscheinlich in einem Familienerbe. Weiter unten findest du noch zwei Buchempfehlungen zu diesem komplexen Thema.

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Schuldgefühle und Erziehung

Schuldgefühle sind ein starkes Instrument um Machtverhältnisse zu sichern. Niemand fühlt sich gerne schuldig. Aus dem Grund werden Schuldgefühle eingesetzt, damit Kinder ein erwünschtes Verhalten zeigen. Das können im familiären Umfeld folgende Aussagen sein:

  • Ich war für dich da, als du so krank warst. Das ist jetzt der Dank dafür.
  • Du solltest dich wirklich schämen!
  • Mama und Papa mögen dich nicht mehr, wenn du so etwas noch einmal machst.
  • Was sollen die Nachbarn denken?

Im schulischen Umfeld finden wir Aussagen wie diese:

  • Deine Eltern werden sehr enttäuscht sein.
  • Eine Fünf in Mathe, bei deiner Intelligenz, du hast sicher nicht gelernt. Ich würde mich an deiner Stelle ganz gut schämen.

Wenn du selber Kinder hast oder in einer Form der Erziehung tätig bist, achte auf die Zuweisung von Schuld. Meist ist es viel Wirksamen, wenn du kurz erklärst, warum ein bestimmtes Verhalten nicht erwünscht ist.

Bis hier hin

Schuld und Schuldgefühle ziehen sich über Generationen hinweg durch unsere Gesellschaft. Sie haben ihr Gutes und sind wichtig. Nach meinem Eindruck haben sie jedoch einen zu großen Raum in unserem Denken und Handeln eingenommen.

Die Schattenseite der Schuldgefühle

Schuldgefühle können dich Jetzt und Hier lähmen. Ihre Gründe liegen in einem zurückliegenden Verhalten, manchmal sogar nur einem Gedanken. Egal, wie schuldig du dich fühlst, du wirst an der Vergangenheit nichts mehr ändern können.

Sicher ist es wichtig, dass du aus der Vergangenheit lernst. Aus Fehlern zu lernen ist ebenso notwendig wie gesund. Schuldgefühle verhindern leider genau das. Ein schlechtes Gewissen ist weder ein guter Ratgeber noch ein guter Lehrer.

Schuldgefühle sind ein nutzloses Verhalten. Die Vergangenheit ist vorbei! Das Gefühl „schuldig zu sein“ ist manchmal der Wunsch, das geschehene im Nachhinein noch zu verändern. Darüber hinaus erhöhen Schuldgefühle die Wahrscheinlichkeit, „das Selbe“ noch einmal zu tun.

Schuldgefühle sind anders als „Scham“ keine natürliche Verhaltensweise. Sie sind erlernt.

Wieso halten wir an Schuldgefühlen fest?

Es gilt, in unserer Gesellschaft, als „unangebracht“ oder sogar „schlecht“, wenn wir uns wegen eines Fehlverhaltens nicht schuldig fühlen.

Manchmal sind Schuldgefühle Vermeidung, um nicht selbst an uns arbeiten zu müssen.  Wenn wir zum Beispiel wieder eine Zigarette geraucht haben, obwohl wir doch aufhören wollten, fühlen wir uns schuldig. In diesem Moment sorgt das Schuldgefühl dafür, dass wir uns besser fühlen. Wir sühnen für die Schuld, doch wieder geraucht zu haben. Auf lange Sicht schränken dieses dauernden Schuldgefühle unsere Lebendigkeit ein.

In unserer Gesellschaft gibt es auch die Vorstellung, das Fehlverhalten nur lange genug bereut werden muss, damit wir davon freigesprochen werden. Ein Teil unseres Rechtssystems baut darauf auf.

Letztendlich sind Schuldgefühle auch eine wunderbare Möglichkeit, Mitleid zu erzeugen. Wir bekommen Aufmerksamkeit, „weil das doch gar nicht so schlimm war“. Hier lassen wir uns von anderen entschulden.

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Wenn du „Schuld“ hast

Ob bewusst oder unbewusst, wir alle verletzten andere Menschen. Im Übrigen verletzen wir am häufigsten die Menschen, die wir lieben. Verletzungen können ungewollt oder gewollt entstehen. Das solltest du dir eingestehen. Du bist ein Mensch und Menschen passiert so etwas.

Wenn dir so etwas passiert, spreche es an. Im privaten Bereich reicht es dann meist schon aus, sich zu entschuldigen. Ich habe mir darüber hinaus angewöhnt nachzufragen, ob diese wörtliche Entschuldigung reicht. Bei einem Kind reichte sie einmal nicht. Ich habe als Entschuldigung beim Aufräumen des Kinderzimmers geholfen.

Danach solltest du alles dafür tun, dass dir so etwas nicht noch einmal passiert. Nichts wirkt oberflächlicher, als sich für ein und das Selbe Verhalten immer wieder zu entschuldigen.

Wenn du all das getan hast, ist es gut. Weitere Schuldgefühle machen die Sache nicht besser und senken deine Entfaltungsmöglichkeiten.

Wenn du in Schuldgefühlen hängen bleibst

Mach dir noch einmal klar: „Was vergangen ist, ist vorbei! Alle Schuldgefühle dieser Welt werden daran nichts ändern! Sie machen dich auch nicht zu einem besseren Menschen.“ Anstatt Schuldgefühle zu entwickeln, solltest du überlegen, was du aus der Situation lernen und zukünftig ändern kannst.

Nicht alle deine Handlungen und Aussagen, werden von allen gemocht. Akzeptiere, dass die Verhaltensweisen, für die du dich entscheiden hast, nicht unbedingt auf Gegenliebe stoßen. Hier gibt es keinen Grund dich schuldig zu fühlen.

Häufige Schuldgefühle sind Verschwendung von Energie, Zeit und Lebenslust. Wenn du Fehler gemacht hast, entschuldige dich, verändere etwas und gut ist!

Manchmal kann es für dich erhellend sein, Schuldgefühle aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Welchen Sachen gehst du durch deine Schuldgefühle aus dem Weg? Wenn du diese Dinge angehst, werden sich deine Schuldgefühle verringern.

Wenn du von anderen durch Schuldgefühle, wie „das ist, jetzt der Dank für …“ manipuliert wirst, mach dich selbst klar. Erkläre, dass dein Gegenüber die Enttäuschung schon verkraften wird. Gib ihm seine Verantwortung zurück und behalte deine.

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Buchempfehlungen

  • Die vergessene Genaration: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen; Sabine Bode
  • Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Genration; Sabine Bode
  • Der wunde Punkt; Wayne W. Dyer
  • Das große Buch der Gefühle; Udo Baer & Gabriele Frick-Baer

Fazit

Schuldgefühle sind mächtig. Sie durchziehen unsere Gesellschaft, Familien und Freundeskreise. Wenn du dich wegen etwas schuldig fühlst, entschuldige dich und lass es dann gut sein. Du bist ein Mensch und machst Fehler. Akzeptiere dich, so wie du bist.

Ich würde mich sehr über eine Rückmeldung freuen!
 

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