Fairness und Gerechtigkeit sind Gedankenkonstrukte

Fairness und Gerechtigkeit sind Gedankenkonstrukte

Vorab

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bin ein großer Freund von Fairness und Gerechtigkeit. Wenn ich mitbekomme, dass Menschen ungerecht behandelt werden, kann ich ganz schön aus der Haut fahren.

Der Grundsatz: „Behandele andere Menschen so, wie du behandelt werden möchtest.“ Hat für mich einen hohen Stellenwert. Wenn du meinen Blog ein wenig kennst, ist dir klar, dass die folgende Aussage nicht fehlen darf: „Behandele dich selbst so, wie du andere Menschen behandeln würdest.“

Zurück zu „fair“ und „gerecht“. Beides sind, wie in der Überschrift geschrieben, Gedankenkonstrukte, die sich auch schädlich auswirken können. Darum soll es im Folgenden gehen.

Die geschichte vom Morser

Eine Geschichte

Lass uns mit einer Geschichte starten, die ich bei Vera Birkenbihl gehört habe. Den größten Gewinn wirst du haben, wenn du dich eine Spur weit in die Situation hineinversetzt.

Die Geschichte spielt in Amerika, Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt herrschte eine hohe Arbeitslosigkeit. Es war die Zeit vor dem Telefon. Nachrichten wurden mittels Morsezeichen, einer Abfolge von kurzen und langen Tönen, übermittelt.

Ein großer Konzern hatte eine Stelle für einen Nachrichtenübermittler ausgeschrieben. In der Halle des Großkonzerns saßen mehrere dutzende Menschen und warteten darauf ein Vorstellungsgespräch zu führen. Der Konzern hatte in einer Zeitungsannonce für 8 Uhr „eingeladen“. Damals war Pünktlichkeit eine der obersten Pflichten.

Nebenbei fanden Umbaumaßnahmen statt. In der Halle wurde gesägt und gehämmert. Es war furchtbar laut. Da es gerade Sommer war, war es zusätzlich heiß und stickig. (Ich hoffe, du kannst dich ein wenig in diese Situation versetzen.) So saßen nun die vielen Menschen dort und warteten. Einige saßen auf dem Boden, da alle Stühle besetzt waren

Um 8:30, also deutlich zu spät, kam ein junger Mann herein. Da, wie bereits gesagt, alle Stühle besetzt waren, setzte er sich auf den Boden. Kurze Zeit später stand er auf, ging zu Zimmer 239 klopfte an, öffnete die Tür und ging hinein.

Fünf Minuten danach kam aus derselben Tür ein Mitarbeiter des Konzerns heraus. Er teilte den Wartenden mit, dass die Stelle gerade durch diesen jungen Mann besetzt worden war und sie nun wieder gehen müssten.

Ist das fair oder gerecht gegenüber den Menschen, die brav und lange unter widrigen Umständen auf die Chance eines Vorstellungsgespräches gewartet haben? Was meinst du?

Was, wenn ich dir jetzt erzähle, dass die Umbaumaßnahmen ein kleines Täuschungsmanöver waren? Tatsächlich waren die Hammerschläge Morsezeichen. Sie besagten: „Wenn du das hörst, stehe auf, klopfe an Zimmer 239, warte nicht auf ein „Herein“, öffne die Tür, tritt ein und schließe die Tür hinter dir.“ 

Was denkst du nun?

Wie der Gedanke von Fairness und Gerechtigkeit entsteht

Von Jugendlichen hören wir des Öfteren die Sätze: „Das ist unfair.“ oder „Du bist ungerecht.“

Auf Grund ihres Alters und ihrer Entwicklungsphase sind Jugendliche dabei, sich ihre eigenen Werte sowie Normen aufzubauen um zu sehen, wie diese in die Umwelt passen. Hier geht es viel um „gleich sein“ und „Gleichbehandlung“.

„Andere dürfen diese und jenes, ich nicht! Das ist unfair!“ Das ist eine viel genutzte Möglichkeit um Privilegien zu erhalten und/oder gesehen sowie gehört zu werden. Viele Menschen nutzen diese Idee von Gerechtigkeit im Erwachsenenleben weiter. Ich erlebe das im Freundeskreis und leider auch schon mal bei mir.

So ist der Vorwurf: „Du bist oder das ist, unfair!“ eine Aussage, die uns im Erwachsenenalter immer wieder an den Kopf geworfen wird. Es ist eine Aussage, auf die wir schnell reagieren. Wer will schon unfair oder ungerecht sein?

Und wie ist es bei dir? Hand aufs Herz! Fühlst du dich nicht manchmal ebenso ungerecht behandelt? Ich glaube, dass „sich ungerecht behandelt fühlen“ ein Teil unserer Psychohygiene ist. Wir würden uns ansonsten viel zu viele Punkte und Missstände zu eigen machen.  Mir ist es allerding wichtig, dass du nicht in dieser „Ungerechtigkeit“ hängen bleibst. Ferner ist mir daran gelegen, dich für dieses „Spiel“ in der Erwachsenenwelt zu sensibilisieren. Ich hoffe, dass mir das bis hier hin gelungen ist.

Gerechtigkeit gibt es in der Welt nicht

Eine gerechte Welt

Vielleicht wäre es schön in einer gerechten und fairen Welt zu leben. Dennoch ist die Welt alles andere als fair und gerecht.

Während wir in Europa, glücklicherweise, seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr erlebt haben, streben Kinder in Afrika an Bomben, die wie Spielzeuge aussehen. Das ist weder fair noch gerecht. Zugegeben es ist ziemlich weit weg. Deswegen lass uns ein wenig näher rücken.

Ein Mitarbeiter, der mit dem Schwager des Werkstattleiters bekannt ist, bekommt eine Stelle, für die es weitaus geeignetere Personen gibt. Ist das gerecht? Sicher nicht! Und dennoch es ist so. 

Fairness und Gerechtigkeit werden manchmal eingesetzt

Wie in der Geschichte, die ich oben aufgeschrieben habe, sehen wir die Welt gerne mal als ungerecht an. Das erspart uns genauer hin zu schauen. Wenn die Kollegin eine Leitungsstelle erhält, für die wir, aus unserer Sicht, besser geeignet wären ist das unfair.

Dabei wäre es vielleicht sinnvoll, genauer hinzuschauen. Hat die Kollegin sich besser vermarktet? Wie hat sie es geschafft? Wie könnte ich meine Vorzüge besser zu Geltung bringen? Die Aussage: „Das ist ungerecht!“ lenkt dich von dem ab, was du tun könntest.

Die andere Form, in der Fairness und Gerechtigkeit, verdeckt eingesetzt werden ist: „Wenn du dieses oder jenes tust, mache ich es auch.“ „Wenn du unfair zu mit bist, darf ich dich ungerecht behandeln.“ Das sind Gedanken von Rache und Eiversucht.

Oft werden Fairness und Gerechtigkeit eingesetzt, um den eigenen Willen durchzusetzen. „Dass du heute Abend mit Freunden ausgehst, ist ungerecht. Dann muss ich ja alleine zuhause bleiben.“ Hier wird darüber hinaus Beachtung und eventuell sogar Mitleid angefragt.

Beachtung und Mitleid sind in dem Fall eine Belohnung. Dabei geht die Möglichkeit, sich, sein Leben und seine Handlung, selbst in die Hand zu nehmen, verloren.

Fairness und Gerechtigkeit werden gerne als Gesprächsthemen genutzt. Wer sich über die Ungerechtigkeiten der Welt uns des Lebens auslässt, braucht nicht über sich selbst sprechen. Hinzu kommt noch, dass solche Klagen eine gute Chance haben, Gehör zu finden. Somit wird eine Verbundenheit (gegen die böse Welt) erzeugt.

Was du für dich tun kannst, wenn du selbst in die Gereichtigkeitsfalle gerätst

Stell dir am besten einfach die folgende Frage: „Wird das Ungerechte oder Unfaire aufhören, wenn du dich darüber aufregst?“ Wenn die Antwort „Nein“ ist, überlege, was du tun kannst um die Situation jetzt oder in Zukunft zu verändern. Wenn die Antwort, wider meinem Erwarten, „Ja“ ist, rege dich so stark auf, wie du nur kannst.

Eine richtschunr hilft dir DEINE Gerechtigkeit zu finden

Finde für dich eine Richtschnur, an der du deine Handlungen orientieren willst. So schaffst du deine eigenen Normen und Verhaltensformen. Das macht dich unabhängiger von Anderen und du wirst dich seltener rechtfertigen müssen. Für mich sind die eigenen Werte eine gute Grundlage hierzu. Wie du für dich deine Werte ermittelst, habe ich in diesem Artikel (und den folgenden) beschrieben.

Es kann für dich wichtig sein, eine auf außen bezogene Sicht, nach und nach aufzugeben. Das bedeute unter anderem, dass du etwas „Nettes“ tust oder sagst, wenn dir danach ist, nicht wenn es die von außen erwartet wird.

Unter Paaren ist es beispielsweise ein beliebtes Spiel zu sagen: „Ich liebe dich.“, weil ich von meinem gegenüber hören möchte: „Ich liebe dich auch.“ Wobei ich finde „Ich liebe dich!“, kann man weder zu oft sagen noch zeigen.

Fang an, dein Gefühlsleben möglichst unabhängig von anderen zu sehen. Hierzu hatte ich bereits einen Artikel geschrieben, in dem es darum ging, nicht alles so persönlich zu nehmen.

Fairness und Gerechtigkeit im Umgang mit anderen

Wenn du dich von anderen ungerecht behandelt fühlst, empfiehlt Wayne W. Dyer in seinem Buch „Der wunde Punkt“ folgenden Satz: „Du bist anders als ich, obwohl es mir im Augenblick schwerfällt, das zu akzeptieren.“

Selbst wenn du diesen Satz „nur“ zu dir selber sagst, wird das deine Kommunikationsmöglichkeiten offener halten. Statt in die Wut oder Rechtfertigung zu gehen, kannst du auf das, was der andere gesagt hat in angemessener Weise reagieren.

Ich meine damit nicht, dass du dir alles gefallen lassen solltest. Manchmal ist es wichtig, wütend zu werden, damit deine Reaktion beim anderen überhaupt ankommt. Du kannst aber, mit dem oben beschriebenen Satz dafür sorgen, dass du nicht automatisch reagierst. Das schafft dir mehr Raum, um zu agieren.

Weiterlesen

Warum es Gerechtigkeit nicht geben kann

Gerechtigkeitstheorien

 

Ich wünsche dir alles Gute!
 

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