Unsere Sprache entwickelt unsere Welt

Unsere Sprache entwickelt unsere Welt

Wie du vielleicht mitbekommen hast, habe ich vor kurzem mit einem Studium begonnen. Im Studium „Systemischer Berater“ geht es auch um den sogenannten Konstruktivismus. Er zeigt auf, wie wir die Welt um uns entwickeln – konstruieren. Die Sprache spielt in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Rolle.

Sprache kann uns einengen oder unsere Möglichkeiten erweitern. Im Artikel über die Kraft der Worte hatte ich bereits angefangen, einige Beispiele hierfür aufzuzeigen. Diesen Artikel setze ich nun fort.

Hierbei geht es mir um „Redewendungen“ wie du, ich und andere sie täglich gebrauchen. Dabei werde ich dir Alternativen vorschlagen, die aus meiner Sicht Räume öffnen können. Sprache kann dich und dein Vorhaben schwächen oder stärken. Ich möchte mit den Beispielen gerne Letzteres unterstützen. Doch lass uns einfach anfangen.

Ich kann nichts dafür

Das ist eine Aussage, die wir benutzen, wenn uns etwas nicht gelingt. Wir geben die Schuld an jemand oder etwas anderes ab. „Ich kann nichts dafür, dass ich das Schreiben nicht fertigbekommen habe. Martin hat mir die nötigen Unterlagen nicht geschickt.“

Auf den ersten Blick ist eine solche Aussage sehr angenehm. Wir riskieren nicht, dass wir „Ärger“ bekommen. Wir hätten es ja hinbekommen, wenn Martin seinen Verbindlichkeiten gefolgt wäre. Wäre, hätte, könnte ….

Bei genauerem Hinschauen machst du dich mit einer solchen Aussage jedoch klein. Du gehst in eine Opferrolle. Das schadet dir, deinem Selbstwertgefühl und deiner Außenwirkung. Mach dir seine Verantwortung, zumindest innerlich bewusst und verwende, für dich die Aussage:

Ich bin in jeder Hinsicht verantwortlich!

Sag klar, was du meinst.

Un-Worte

Ich bin unzufrieden, unglücklich oder ungeschickt. Es ist uninteressant, unschön oder unglaublich. Die kleine Silbe „un“ verkehrt das nachfolgende Wort in sein Gegenteil. Mit einer solchen Sprache bleibst du nebulös in deinen Aussagen.

Du bist und wirkst klarer, wenn du sagst, was du meinst. Dadurch wird sich wahrscheinlich auch in deinem Leben einiges klären. „Ich ärgere mich.“ „Das Buch ist langweilig.“ … Also:

Sag klar, was du meinst.

Eigentlich

Wenn Klienten schon etwas länger zu mir kommen, wissen sie was passiert, wenn sie „eigentlich“ sagen. „Eigentlich wollte ich ja mit meinem Mann sprechen. Und uneigentlich?“ Eigentlich ist ein Füllwort, welches oftmals gewohnheitsmäßig gebraucht wird. (Auch mir passiert das.) Wenn du dieses Füllwort weglässt, wirst du an Entschlossenheit gewinnen.

Streiche eigentlich aus deinem Wortschatz.

Das Leben ist ein Kampf

Diese Aussage ist ein wunderbares Beispiel. Zum einen ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn du das Leben als Kampf ansiehst, wirst du leider viele Kämpfe führen müssen. Sie werden bei jeder noch so kleinen Gelegenheit auftauchen. Und wer viel kämpft, muss sich auch gut schützen.

Damit machst du dicht. Du lässt dir und dem Leben wenig Spielraum. Das führt dazu, dass du den spielerischen Umgang mit dem Leben verlernst. Kurz und gut, du engst dich selber ein.

Oft genug wiederholt kann die Aussage zu einem Glaubenssatz werden. Manchmal geschieht das auch durch Vorleben. Wenn unsere Eltern während unserer Kindheit eine schwierige Zeit hatten, haben sie uns Kämpfe vorgelebt.

Hierbei verliert sich manchmal der Blick auf den Zeitraum. Besonders dann, wenn er länger angedauert hat. Der Ausschnitt eines Lebens wird zur zentralen Rolle und nicht mehr als Teil des ganzen gesehen. Dann wird er noch verallgemeinert und schwupps, da haben wir einen Glaubenssatz.

Auch in meinem Leben gab es Kämpfe. Es werden nicht die Letzten gewesen sein. Letztendlich entscheiden wir selber, welche Kämpfe wir führen wollen und welche eher nicht. Führe dir das bitte immer wieder vor Augen. Denn schließlich:

Das Leben ist ein Abenteuer.

Ich habe es ja versucht.

Oh ja, das Ding mit dem „Versuchen“. Wie oft hast du dich schon sagen hören, „ich versuche es“, oder „ich habe es ja versucht“? Das Problem beim „Versuchen“ ist, dass du das Scheitern gleich mit einkaufst.

Wenn mir Klienten gegenübersitzen, die einen der beiden Sätze verwenden, gebe ich ihnen meist einen kleinen Auftrag. „Bitte versuchen sie mal den Kugelschreiber (die Taschentücher, das Blatt …) hochzuheben. Die meisten heben es dann hoch.

„Ich habe sie gebeten, es zu versuchen, nicht es zu tun. Sie haben zwei Möglichkeiten, entweder sie heben den Stift auf, oder sie lassen ihn liegen. Versuchen geht nicht.“ Versuchen ist keine Handlung!

Du kannst deine Handlung jedoch wie einen Versuchsaufbau ansehen. Du machst etwas und schaust, was passiert. Entweder es funktioniert. Prima! Oder es klappt nicht. Dann kannst du deinen Versuchsaufbau verändern und anpassen. Dennoch solltest du das die Aussage „Ich versuche es.“, besser nicht mehr verwenden.

Ich mache es. Ich lasse es.

Wir sollten mal …

Wir sollten mal …

Jemand muss … Hat einer schon … Alles wunderbare Satzanfänge. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage oder die Arbeit, die auf diese Satzanfänge folgt, getan wird, ist gering. Wir schieben eine mögliche Lösung vor uns her.

Benenne klar, wer was bis wann macht.

Manches muss man einfach tun.

Oder noch besser: „Zu manchem muss man sich zwingen.“ Sobald du „muss“ verwendest, solltest du genau hinschauen, beziehungsweise hinhören, was du damit ausdrückst. Wir Menschen sind freiheitsliebend.

Ein „muss“ engt unsere Freiheit ein. Damit gehen wir, nach meiner Erfahrung, fast direkt in einen inneren Widerstand, wenn wir ein „muss“ hören. Auch, oder gerade dann, wenn wir es zu uns selber sagen.

Das „Muss“ engt ebenfalls unseren Spielraum ein. Weitere mögliche Vorgehensweisen kommen uns kaum noch in den Sinn. Bei Selbstaussagen, die ein „muss“ enthalten werden wir schnell hart und lieblos uns selber gegenüber.

Oftmals fällt mir auf, dass „muss“-Bedingungen oft geschaffen werden, um einen Konflikt auszuweichen. Manchmal ist das hilfreich, manchmal nicht. Überprüfe also bitte, ob du mit einem „muss“ zu dir selber einem (vermeintlichen) Konflikt ausweicht und ob es das wert ist. Sag besser:

Ich schaue mir an, was zu machen ist, erledige es oder finde eine andere Lösung.

Es ist schrecklich

Da ist mal wieder die Welt über uns zusammengebrochen. Etwas hat nicht funktioniert, ist schiefgelaufen und unsere Hoffnungen lösen sich in Luft auf. Wir sind wütend, traurig oder beides. Dieses Gefühl richtet sich dann gegen die Welt, andere oder uns selber.

Natürlich gibt es schreckliche Situationen. Unglücke oder Dinge, die durch uns nicht beeinflussbar waren. Glücklicherweise sind das jedoch Ausnahmen. Die Aussage, dass etwas schrecklich ist, fällt jedoch häufiger.

Mit dieser Aussage machst du dich zum Opfer der Umstände. Damit nimmst du dir die Möglichkeit, aus der Erfahrung zu lernen. Das bedeutet meist, dass sich die Dinge wiederholen. Reflektiere die Situation und überlege, was du beim nächsten Mal verändern kannst.

Aus dieser Erfahrung werde ich lernen.

Deine Sprache und du

Hier habe ich noch einmal alle Redewendungen und ihre mögliche Veränderung in einer Tabelle zusammengefasst. Wen möglich schreib dir die Tabelle ab oder drucke sie aus, damit du möglichst oft darauf schauen kannst.

Statt … besser …
Ich kann nichts dafür Ich bin in jeder Hinsicht verantwortlich
Un-Worte Sag klar, was du meinst.
Eigentlich Streiche „eigentlich“ aus deinem Wortschatz.
Das Leben ist ein Kampf. Das Leben ist ein Abenteuer.
Ich habe es ja versucht. Ich mache es. Ich lasse es.
Wir sollten mal … Benenne klar, wer was bis wann macht.
Manches muss man einfach tun. Ich schaue mir an was zu machen ist, erledige es oder finde eine andere Lösung.
Es ist schrecklich Aus dieser Erfahrung werde ich lernen.

Weiterlesen

In der Sprache liegt die Kraft – M. R. von Scheurl-Defersdorf

Meine Sprache und Ich – T. von Stockert, M. R. von Scheurl-Defersdorf

Hier geht es zur Übersicht der Artikel in diesem Blog.

 

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